Märchen für Kinder
Märchen für Kinder
„Die Zauberklänge“ ist ein Klangschalenmärchen. Es können auch andere Instrumente genommen werden, z.B ein Xyolophon, ein Klangspiel oder Klangstäbe.
Die Zauberklänge
Es war einmal ein mächtiger König. Er beherrschte drei große Länder und hatte viele Untertanen. Die mussten für ihn arbeiten und bekamen nur sehr wenige Goldtaler dafür. Auch sonst war der König schrecklich geizig und ließ sein Volk hungern. Wenn die Bauern keine Ernte einbringen konnten, weil zum Beispiel ein großes Unwetter alles zerstört hatte, so interessierte das den König nicht im Geringsten. Er selbst hatte ja genug leckere Speisen auf dem Tisch und noch nie Hunger leiden müssen. Somit konnte er auch nicht wissen, wie sehr die Menschen in seinen Ländern leiden mussten.
Der König dachte nur an seinen Spaß. Er führte ein gutes Leben im Schloss Purzelsberg. Er feierte großartige Feste und lud dazu aber nur sich selbst ein, denn mit anderen teilen, dazu hatte er keine Lust.
Eines Tages, der König war gerade mit seinem Pferd auf der Jagd, hörte er seltsame Klänge aus dem Wald tönen.
Sie waren so zauberhaft, dass er sofort diese wundersame Musik finden wollte und sich auf die Suche nach ihnen begab. Stundenlang ritt er durch den Wald. Mal hatte er das Gefühl die Klänge kämen von rechts, dann wieder von links. Von oben, von unten von überall her schienen sie zu kommen und doch konnte er sie nicht finden.
Die Klänge hatten ihn vollkommen verzaubert. Es wurden immer mehr und mehr. Der ganze Wald schien eine Klangwelt zu sein. Es war ein sehr kalter Tag und der König fror. Es hatte angefangen zu schneien und die Flocken tanzten zur zauberhaften Musik. Der König wurde sehr traurig, weil er diesen Zauber gerne mit nach Hause genommen hätte. Bisher hatte er sich alles kaufen können, was sein Herz begehrte. Er wollte die Zauberklänge besitzen, koste es was es wolle. Er lauschte noch eine Weile in den Wald hinein. Es war schon sehr spät, als er schrecklich müde und sehr hungrig in sein Schloss zurück kam. Dort sperrte er sich sofort in sein Zimmer ein. Noch immer hörte er die zarten Klänge. Schließt die Augen Kinder und lauscht, ob ihr auch die Zaubermusik auch noch hören könnt.
Als sich der König ein wenig erholt hatte, versammelte er alle Menschen die am Hofe arbeiteten zu sich und befahl ihnen, sich auf die Suche nach den Zauberklängen zu begeben. Er hatte das Gefühl nie mehr glücklich werden zu können, ohne diese sanften Töne, die sein Herz ganz und gar erfüllt hatte. Seine Untertanen durften nicht eher heimkehren, bis einer von ihnen die Klänge gefunden und ihm überreicht hätte. Aufgeregt strömten all seine Bediensteten davon und der König war nun ganz alleine im Schloss. Er hatte Hunger, aber er hatte ja auch die Köche weggeschickt, um nach der Zaubermusik zu suchen. Da der König sich selbst noch nie ein Essen zubereitet hatte und sich das auch nicht zutraute, musste er an diesem Abend hungrig zu Bett gehen. Das war das erste Mal in seinem Leben und er tröstete sich damit, dass er dafür am nächsten Tag, ein besonderes Frühstück bekommen würde und die wunderschönen Klänge noch dazu.
Als er am nächsten Morgen aufwachte knurrte sein Magen. Nanu, wo blieb denn sein Frühstück? Wutentbrannt lief er hinaus auf den kalten Schlossgang und schrie nach seiner Dienstmagd. Die aber kam nicht, weil sie ja nicht eher heimkehren durfte, bis jemand die Klänge gefunden hatte. Der König war immer noch ganz alleine. Er schlich traurig in die Schlossküche und suchte nach etwas Essbarem. Da gab es aber nichts mehr, weil die Dienstmagd gerade hatte einkaufen gehen wollen, als sie mit den anderen vom König weggeschickt worden war.
So musste dieser sich nun auf den Markt begeben, um nicht zu verhungern. Sein Magen tat ihm schrecklich weh. Er verkleidete sich hurtig, damit ihn niemand erkennen konnte und mischte sich dann unter sein Volk.
Am ersten Marktstand schon schimpften die Leute über ihn. Überall hörte er nur böse Worte, die ihn betrafen. Keiner konnte ihn leiden, niemand hatte ihn gerne. Da wurde der König sehr, sehr traurig. Aber weil er nun selbst spürte wie schrecklich es war, wenn man Hunger hatte und nichts zu essen bekam, konnte er die Menschen um sich herum sehr gut verstehen.
Plötzlich kletterte ein junger Bursche auf den Marktbrunnen und rief laut:
„Der König hat alle seine Untertanen losgeschickt die Zauberklänge im Wald für ihn einzufangen. Er weiß nicht, dass er, so grausam wie er mit uns umgeht, niemals Besitzer eines Zauberklanges werden kann. Nie und nimmer werden wir ihm einen Klang schenken! Niemals!“, schrie er nun noch lauter und alle Menschen applaudierten ihm.
Da nahm der König allen Mut zusammen und nahm seine Perücke ab. Die Menschen erkannten ihn sofort und ein Raunen ging durch die Menge. Alle flüsterten aufgeregt und manche fielen vor ihm auf die Knie und küssten seine Schuhe.
Mir ruhiger Stimme sprach der König:
„Es tut mir leid, was ich euch angetan habe. Von jetzt an werde ich dafür sorgen, dass es euch allen an nichts fehlen wird und dass ich euch ein guter König sein werde. Verteilt alle Waren dieses Marktes an die Armen, ich gebe euch sehr viel Gold dafür. Und holt bitte meine Untertanen aus dem Wald zurück und sagt ihnen, dass sie nicht weiter nach der Musik zu suchen brauchen.“
Die Leute weinten vor Glück und umarmten sich. Der König hielt sein Versprechen. Allen Menschen ging es von nun an gut. Sie liebten ihren König, der bewiesen hatte, dass er doch ein gutes Herz hatte. Und der König selbst war glücklich wie noch nie in seinem Leben. Er fühlte wie sein Volk aufblühte und vor Kraft strotzte und wie er von allen geliebt wurde und diese Liebe tat ihm sehr gut.
Es verging fast ein Jahr, da kam der Jüngling, der damals auf den Brunnen geklettert war ins Schloss und bat darum dem König vorgestellt zu werden.
„Ich kenne dich Jüngling, was führt dich zu mir?“, fragte der König und schaute den Bauernburschen erstaunt an.
„Ich habe dir etwas mitgebracht, um dich glücklich zu machen“, antwortete der Jüngling.
„Und was ist das?“, fragte der König neugierig.
„Die Zaubermusik!“, lachte der junge Bursche fröhlich und holte ein paar goldene Schalen aus einem Sack heraus.
„Das ist aber nett“, sagte der König erfreut. „Ich habe zwar mein Glück bereits gefunden, aber trotzdem würde ich sehr gerne, die Klänge die mich lehrten mein Leben zu ändern, noch einmal hören.“
Der Bursche kniete sich nieder und zauberte aus den Schalen die schönsten Klänge hervor.
Der König bekam Tränen in die Augen. Das ganze große Schloss war erfüllt mit der Zaubermusik. Die Köchin konnte nicht mehr weiterkochen, weil sie lauschen musste und auch alle anderen ließen ihre Arbeit ruhen und hörten den wundersamen Klängen zu.
„Du bist uns ein wirklich guter König geworden“, sprach der Jüngling. „ Die Zauberklänge sind nun für immer dein!“
Der Märchenbaum
Es war einmal ein kleines Mädchen, das nichts so sehr liebte wie Geschichten und Märchen. Jeden Abend vor dem Schlafengehen bettelte sie so lange, bis ihre Mutter sich zu ihr ans Bett setzte und ein schönes Märchen erzählte. Erst dann konnte das Kind einschlafen und war sehr glücklich.
So ging das über viele Jahre und niemals wunderte sich das Mädchen, woher die Mutter wohl die schönen Geschichten kannte. Aber eines Tages, da war das Kind schon zehn Jahre alt, begann es doch, sich darüber Gedanken zu machen und fragte die Mutter wie sie wohl zu all den Geschichten gekommen sei. Da erzählte sie ihr vom Märchenbaum.
Wer schön zuhört und gut aufpasst wird schon bald erfahren, wie es dazu kam, dass so viele Geschichten und Märchen sich in der ganzen Welt verbreiteten. Es gibt einen wunderschönen Baum der immer grüne, saftige Blätter trägt und im Lande der sieben Elfen wächst. Auf jedem seiner Blätter steht ein wunderschönes Märchen geschrieben und wenn der Wind ein solches Blatt vom Baum löst, so wird es davongetragen in die Welt hinaus und manchmal wird es von einem Menschen gefunden, der dann glücklicher Besitzer einer wundervollen, zauberhaften Geschichte ist. Da man viel Glück haben muss ein solches Blatt zu finden, war die Mutter des kleinen Mädchens noch vor dessen Geburt zum Märchenbaum gereist und hatte so viele Blätter gepflückt, dass sie jeden Abend eine Geschichte hatte vorlesen können.
„Wie viele Blätter hast du denn noch Mutter?“, fragte da das Kind besorgt, denn es hatte Angst eines Tages auf seine Abendgeschichte verzichten zu müssen.
Die Mutter antwortete traurig: „Mein lieber Schatz, ich habe nur noch drei Blätter übrig. Ich bin aber mittlerweile zu alt und zu müde, um zum Märchenbaum reisen zu können. Auch habe ich keine eigenen Ideen für neue Geschichten. Ich glaube du musst selbst in das Elfenland zu dem Wunderbaum reisen und neue Blätter holen.“
Da weinte das Kind sehr, denn es fürchtete sich ohne seine Mutter. Der Wunsch nach neuen Märchen aber war so stark, dass sich das Kind nach vier Tagen auf den Weg machte. Es hatte ein leckeres Vesper eingepackt, küsste zum Abschied noch einmal die geliebte Mutter und verließ dann bangen Herzens sein sicheres Zuhause.
Das Land der sieben Elfen war sehr weit entfernt und es drohten viele Gefahren bis dorthin. Das Mädchen ging stundenlang durch Felder, Wiesen und Wälder. Manchmal begegnete es einem Zwerg, der sich schnell unsichtbar machte oder einem sprechenden Reh, das ihm den Weg zeigen konnte. Die Welt war voller Wunder und das Kind, das noch nie von zu Hause weg gewesen war freute sich über alles Neue, das es zu entdecken gab.
Als es langsam dunkel wurde bekam das Kind schreckliche Angst. Es war in einen tiefen, dunklen Wald geraten und überall knackte es, da es Tiere gab, die erst bei Nacht erwachten und sich Fressen suchten.
Das Kind fing herzerweichend an zu weinen. Es legte sich auf den feuchten, bemoosten Waldboden und wünschte sich nichts so sehnlich herbei wie seine Mutter. Zudem fehlte ihm eine Geschichte zum Einschlafen.
Da geschah es, dass plötzlich tausende kleine Lichter um es herumtanzten und fröhlich ein schönes Lied sangen.
„Was seid ihr für sonderliche kleine Insekten?“, fragte das Mädchen und setzte sich auf.
„Wir sind Leuchtkäferchen. Wir wissen von deinem Plan und wie angsterfüllt dein Herz ist. Wir sind gekommen, um dir eine Geschichte zu erzählen und deinen Schlaf zu bewachen.“
Da kamen noch mehr Leuchtkäferchen angeflogen und trugen gemeinsam ein Blatt des Märchenbaumes herbei. Ein Vorlesekäferchen flog hinzu und bat um etwas mehr Licht.
Dann las es eine Geschichte vor, die von einem Zaubervogel handelte. Langsam beruhigte sich das Kind und schlief schon bald tief und fest.
Am nächsten Tag waren die Leuchtkäferchen alle verschwunden. Das Kind aß etwas und machte sich weiter auf den Weg.
Da kam es schon bald in ein Dorf und wurde freundlich aufgenommen. Die Menschen dort schienen alle sehr traurig zu sein und das Kind fragte, was denn geschehen sei.
„Uns sind die Märchen ausgegangen“, klagte eine sehr alte Frau und ein anderes Kind fing an zu weinen.
„Ich werde euch Blätter des Märchenbaumes mitbringen. Ich bin auf dem Weg dorthin. Ihr müsst nicht mehr traurig sein“, versuchte das kleine Mädchen zu trösten.
Die alte Frau senkte den Kopf und sprach:
„Der Märchenbaum hat nur noch ein einziges Blatt, dass sich nicht so einfach pflücken lässt. Es ist nämlich so, dass normalerweise für jedes Blatt, das vom Baum genommen wird, zehn neue Blätter nachwachsen, aber nur dann, wenn derjenige der die Geschichte gepflückt hat sie auch weitererzählt und nicht für sich behält.
Leider gibt es aber sehr viele Menschen, die nur an sich denken und die keines der Märchen und Geschichten, die sie gepflückt und gelesen haben, weitergaben und somit konnten keine Blätter nachwachsen und unsere Welt ist arm geworden. Denn was ist denn schon eine Welt ohne Märchen?“
Da musste das Kind der alten Frau recht geben:“ Das ist wohl wahr du liebe alte Frau. Aber sage mir doch bitte, was ist denn nun mit dem letzten Blatt?“
„Dieses Blatt kann nur ein Mensch pflücken von dem der Märchenbaum überzeugt ist, dass es ein Herz hat, das zu teilen vermag. Es ist das letzte Blatt und es erzählt die Geschichte der Hoffnung und Veränderung. Es ist die wichtigste Geschichte die der Baum zu erzählen hat und er gibt diese nicht an jeden heraus.“
„So will ich versuchen, ob ich mich dem Baum als würdig erweise, mir dieses Blatt zu überlassen“, sagte das Mädchen, verabschiedete sich und ging tapfer weiter.
Bald schon kam es ins Elfenland. Dort war es zauberhaft schön. Sanfte Töne und Elfenmusik waren zu hören und der zarte, süßliche Geruch der gelben Elfenröschen hüllte es ein. Das Kind fühlte sich wie in einem Traum. Es fand den Märchenbaum, der ganz einsam und traurig auf einer Lichtung stand.
Das Mädchen sprach ganz leise und sachte mit dem Baum und bat ihn, ihr doch die letzte und wichtigste seiner Geschichten zu überlassen. Da stellte ihr der Baum eine Frage die lautete:
„Was willst du denn mit der Geschichte machen mein Kind?“
Und das Kind antwortete:
„Zuerst werde ich in das Dorf der traurigen Menschen zurückkehren und ihnen die Geschichte erzählen, denn dort gibt es eine alte Frau die bereits weiß, wie wichtig es ist die letzte aller Geschichten überall zu verbreiten. Danach gehe ich in den Wald und erzähle sie meinen lieben Freunden den Leuchtkäferchen, denn das sind sehr viele an der Zahl und ich werde sie bitten überall auszufliegen und allen deine Geschichte zu erzählen. Somit werden dir bald viele, viele neue Blätter nachwachsen.“
„Du bist ein sehr kluges Mädchen. Du wirst schon bald erfahren, warum diese letzte Geschichte so wichtig ist für euch Menschen“, sagte der Baum und schüttelte sich so kräftig, dass sich sein letztes Blatt vom Aste löste und direkt in die geöffnete Hand des Mädchens fiel.
Es bedankte sich und küsste den Baum auf seine alte, harte Rinde. Dann lief es hurtig zurück ins Dorf, um allen Menschen dort die Geschichte, die auf dem Blatt stand, vorzulesen.
Alle Bürger hatten sich schon auf dem Marktplatz versammelt und warteten ungeduldig darauf, denn sie hatten schon so lange kein schönes Märchen mehr gehört.
Auf dem Blatt des Märchenbaumes stand aber gar kein Märchen, sondern nur ein einziger Satz der lautete:
Wer sein Glück mit anderen teilt, wird umso reicher an Glück werden, wer aber nicht teilen will, dessen Herz wird einsam und schwer werden.
Bestürzt schauten sich die Bürger an. Sie hatten nun alle begriffen, was sie falsch gemacht hatten. Von nun an wollten sie alle Geschichten weitererzählen. Fremden und Besuchern, Freunden und Verwandten. Einige zogen gleich hinaus in die Nachbarorte, um die Botschaft des Märchenbaumes weiterzugeben.
Tatsächlich wuchsen dem Baum schon bald viele kräftige, neue Blätter nach. Die kleinen Leuchtkäferchen pflückten Geschichten und flogen damit sogar in fremde Länder, um sie dort Klein und Groß vorzulesen.
Der Märchenbaum war gerettet. Das Mädchen kehrte mit vielen neuen Geschichten zu seiner Mutter zurück. Von nun an aber lud sie ihre Freunde dazu ein, wenn die Mutter vorlas, denn sie wusste, dass die Geschichten des Märchenbaumes nicht nur ganz alleine für sie bestimmt waren und sie damit auch viele andere Kinder glücklich machen konnte.
Das Buchstabenmännlein
Charlotte war nun schon sechs Jahre alt und konnte sehr viele Dinge ganz ohne die Hilfe ihrer Eltern erledigen. Manchmal ging sie für ihre Mutter einkaufen. Sie konnte sich die gesamte Einkaufsliste merken und vergaß niemals auch nur ein Lebensmittel zu kaufen. Ja, die kleine Charlotte war ein tolles Kind und wer sie kannte musste sie einfach loben. Sie konnte wunderschön malen, sehr schön singen und schon ihr eigenes Bett machen. Ihre Eltern waren sehr stolz auf sie.
Natürlich gab es aber auch viele Dinge die Charlotte noch nicht konnte. Das machte ihr aber nichts aus, weil sie immer dachte: -Wenn ich erst ein bisschen größer bin, dann kann ich das auch- und damit hatte sie ja auch recht. Mit fünf Jahren musste man noch lange nicht alles können.
Was Charlotte aber wirklich etwas ausmachte war, dass sie nicht lesen konnte. Ihre ältere Schwester Maja ging in die dritte Klasse und konnte schon wunderschöne Bücher lesen. Charlotte bewunderte ihre ältere Schwester, weil sie so schön vorlesen konnte und eine Tages, Maja las ihr gerade eine Geschichte aus einem Märchenbuch vor, hatte sie eine tolle Idee. „Maja“, sagte sie, „wie wäre es, wenn du mir lesen beibringen würdest? Dann könnte ich all die schönen Geschichten selbst lesen.“ „Da musst du schon warten, bis du in die Schule kommst. Ich habe das auch erst dort gelernt“, antwortete Maja und legte das Buch aus der Hand. Sie hatte keine Lust mehr weiter vorzulesen und Charlotte nahm traurig das Märchenbuch in die Hand und blätterte darin. Maja verließ das Zimmer und grinste. Ihre kleine Schwester konnte sowieso schon viele Dinge die sie nicht konnte. Zum Beispiel auf zwei Fingern pfeifen. Zudem konnte sie viel besser klettern und traute sich auf die höchsten Bäume, was sie selbst sich niemals traute. Es war schon gut so, dass sie lesen konnte und Charlotte nicht. Sonst hätten die Eltern die kleine Schwester noch viel mehr gelobt. Maja war ein bisschen eifersüchtig auf ihre Schwester. Das war nicht schwierig zu erkennen.
Die kleine Charlotte setzte sich mit dem Buch in den Schaukelstuhl in der Leseecke im Büro ihres Vaters. Verflixt, was waren das nur für seltsame Zeichen? Punkte, kleine Striche. Sie verstand nicht, wie aus all dem Worte entstehen konnten und ganze Märchen. In ihrem Kopf wirbelte alles durcheinander. Sie hatte das Gefühl nie…nie…niemals Lesen lernen zu können. Sie fing an zu weinen und klappte das Buch fest zu.
„Dann eben nicht!“, schrie sie laut und warf das Buch voller Zorn auf den Boden.
Plötzlich geschah etwas sehr Sonderbares. Aus dem Buch stieg ein kleines biegsames Männlein, schüttelte sich und hielt sich den Kopf. „Aua!“, sagte es und schaute Charlotte vorwurfsvoll an. „Geht man denn so mit Büchern um?“
„Nein, eigentlich nicht“, stotterte Charlotte und krallte sich erschreckt an den Stuhllehnen des Schaukelstuhls fest. Das Männlein schaute sie frech an und meinte: „Und warum wirfst du dann ein Märchenbuch so achtlos auf den Boden?“
Charlotte überlegte einen Moment und antwortete: „Weil ich es nicht lesen kann und ich eine saumäßige Wut deshalb im Bauch habe.“
„Dafür kann das Buch aber nichts“, sagte das Männlein. „Und zudem kann man Lesen lernen. Dafür gibt es Schulen.“
„Ich bin aber noch viel zu klein für die Schule und meine Schwester will mir auch nicht beibringen wie man liest“, sagte Charlotte traurig. Ihre Angst vor dem Männlein war schon verschwunden. Sie fand, dass es nett und sehr lustig aussah. Es war sehr lang und dünn. Es trug rote Hosen mit blauen Punkten und einen froschgrünen Pullover. Es hatte keine Haare auf dem Kopf und lustige Kulleraugen. „Wer bist du und wie heißt du?“, fragte Charlotte und streckte dem Männlein ihre Hand entgegen: „Ich heiße Charlotte.“
Das Männlein streckte ihr seine kleine Hand entgegen und sagte: „Ich bin das Buchstabenmännlein und heiße Charlie.“
„Ein Buchstabenmännlein?“ Charlotte schaute ungläubig.
„Ja, genau. In jedem Buch wohnt ein Buchstabenmännlein. Wir Buchstabenmännlein sind dafür da, auf die Bücher auszupassen, denn es sind unsere Häuser. Wir fühlen uns nur zwischen Buchstaben so richtig pudelwohl und wir lesen sehr gerne. Wir suchen uns immer wieder neue Bücher aus, in denen wir wohnen und sie zugleich lesen. So wird uns niemals langweilig.
Charlotte machte große Augen. Davon hatten ihr weder ihre Schwester, noch ihre Eltern jemals etwas erzählt.
„Das ist ein Geheimnis“, sprach das kleine Männlein weiter. „Du darfst niemandem davon erzählen. Wir sind normalerweise immerzu unsichtbar.“
„Und wieso bist du sichtbar geworden und zeigst dich mir?“, fragte Charlotte und wartete gespannt auf Charlies Antwort.
„Weil ich mich über dich geärgert habe. Ich habe mir den Kopf gestoßen, als du das Buch so weggeschleudert hast. Sowas macht man doch nicht!“
„Ja, da hast du recht. Ich mache das nie mehr wieder, ich verspreche es.“ Charlotte senkte schuldbewusst den Kopf.
„Ich habe da eine ganz großartige Idee“, sagte Charlie, dem Charlotte nun doch ein bisschen leid tat. „Wie wäre es, wenn ich dir das Lesen beibringen würde?“
Charlotte hob den Kopf, schaute das lustige Männlein an und meinte glücklich: „Das würdest du ehrlich tun?“
„Aber klar, dafür bin ich bestens geeignet. Ich bin das biegsamste Buchstabenmännlein, das die Welt je gesehen hat!“
„Wieso musst du biegsam sein, um mir lesen beizubringen?“, fragte Charlotte lachend.
„Das wirst du gleich sehen“, grinste Charlie und bog sich blitzschnell in den Buchstaben A. „Das ist ein A“, sagte er und freute sich über Charlottes erstaunten Blick. „Sprich mir nach: A!“
„A!“, sagte Charlotte und fand es toll, dass sie nun schon einen Buchstaben kannte. So ging das Männlein das ganze ABC mit ihr durch. Als Charlotte müde wurde, hörten sie auf und Charlie versprach am nächsten Tag wiederzukommen.
Als Charlotte am nächsten Tag in ihrem Zimmer saß und dabei war ein Bild zu malen, hörte sie es klopfen. Sie lauschte und versuchte herauszufinden woher die Geräusche kamen. Da sah sie, dass sich das Märchenbuch bewegte und der Buchdeckel sich langsam anhob. Sie half ein wenig nach und zack kletterte das Buchstaben- männlein heraus.
„Halli Hallo! Da bin ich wieder. Bist du bereit weiter zu lernen?“
„Hallo Charlie!“, freute sich Charlotte. „Ich habe schon auf dich gewartet und kann es gar nicht abwarten endlich Lesen zu lernen.“
„Na dann los!“, rief Charlie und hüpfte auf Charlottes Schoß und von da aus auf ihren Spieltisch.
Er zeigte ihr, wie man die Buchstaben leicht zu einem Wort zusammenfügen konnte. Er fing mit kurzen Worten an und am Ende konnte Charlotte schon einen kleinen Satz selbst lesen. Sie lernte sehr schnell, weil es ihr sehnlichster Wunsch war lesen zu können.
Das Buchstabenmännlein kam beinahe jeden Tag und nach ein paar Wochen konnte Charlotte schon selbst die Geschichten lesen, die in dem Märchenbuch standen.
Ihre Schwester Maja wunderte sich, wieso ihre kleine Schwester nicht mehr bettelte, dass sie ihr vorlesen sollte. Da konnte doch etwas nicht stimmen. Sie nahm das Lieblingsbuch ihrer Schwester aus dem Bücherregal und stattete Charlotte einen Besuch in ihrem Zimmer ab.
„Soll ich dir eine Geschichte vorlesen?“, fragte sie, setzte sich aufs Bett und schlug das Buch auf, das sie dabei hatte.
„Nicht nötig“, sagte Charlotte, „ich kann schon selbst lesen.“
„Das stimmt nicht, du gehst ja noch nicht einmal zur Schule. Was redest du da für einen Unsinn!“, sagte Maja aufgebracht.
Sie stand auf und hielt Charlotte das Buch direkt unter die Nase. „Lies!“, sagte sie böse. „Das will ich sehen, wie du dich jetzt blamierst. Hahaha!“
Charlotte nahm ihr seelenruhig das Buch aus der Hand und fing an zu lesen. Sie konnte die einzelnen Sätze sogar schon schön betonen. Sie las wirklich sehr, sehr gut und Maja konnte es nicht fassen. Ihr stand der Mund offen und sie saß ganz starr da.
„Wer hat dir das beigebracht? War das Mama?“, fragte sie erstaunt, als sie sich wieder ein wenig gefasst hatte.
„Das ist ein Geheimnis“, sagte Charlotte. „Mama und Papa waren das nicht. Ich darf nicht sagen, wer es mir beigebracht hat. Aber weißt du was? Ich habe mir etwas überlegt. Wie wäre es, wenn ich dir Pfeifen auf zwei Fingern beibringen würde?“
Majas‘ Gesicht fing an zu glühen. Sie schämte sich plötzlich ihrer Schwester nicht selbst das Lesen beigebracht zu haben und so eifersüchtig gewesen zu sein.
Sie nahm Charlotte in den Arm und sagte: „Ja, sehr, sehr gerne. Aber zuerst liest du mir ein Märchen vor. Ich bin nämlich sehr stolz auf dich.“
Okt 05, 2010 @ 18:44:12
Sehr schöne Geschichte,
Gruß Ralf
Okt 05, 2010 @ 19:13:01
stark!
Okt 05, 2010 @ 20:41:02
Danke mein Schatz !!!
…
Okt 08, 2010 @ 04:15:15
Hallo
so schnell wie Du schreibst kann ich gar nicht lesen. Und schwupps, ein neues Märchen, suuuuuuuuuper!!!! Das muss ich mir am Wochenende reinziehen
Mach weiter so….
Bussi von Gaggi
Okt 13, 2010 @ 14:11:49
Hallo Angie, wie schön, ich werde ja bald Oma und wenn meine Kleine groß genug ist, werde ich ihr sicher Geschichten vorlesen. Dauert zwar noch ein bisschen, aber bis dahin kannst Du noch gaaaanz viele schöne neue Geschichten erfinden.
LG
Hildegard Maja